Mittwoch, 02. Juni 2010

Hallo Deutschland!

Eigentlich hatte ich nicht geplant, heute etwas zu schreiben. Von 20 Minuten bin ich in Sundsvall in den Zug gestiegen, heading home. Ich hatte geplant zu schlafen, Musik zu hören und nachzudenken während der 3 Stunden Zugfahrt. Aber mein Kopf ist so voll, dass ich einfach einiges davon los werden muss.

Ausnahmsweise starte ich jetzt mal andersrum und beginne mit meinem Bericht heute morgen. Wir hatten großes vor und taten es auch.

Im Moment gibt es so viele Abschiede in Sundsvall und immer, wenn man jemanden trifft, muss man nachdenken, ob man denjenigen nochmal wieder sehen wird, oder ob man schon goodbye sagen muss. Ich glaube, mein Unbewusstsein (hm, gibt es das? Wahrscheinlich denkst Du jetzt: “Nein, dass heißt Unterbewusstsein.” Ich weiß! ABER: In der Uni hat uns ein Psychologiedozent gesagt, er möge das Wort unterbewusst nicht, wir sollten besser unbewusst sagen, da unterbewusst ein freundscher Begriff ist. Aber wie stehts mit Unbewusstsein? Egal, jetzt weißt Du wenigstens was ich meine.) jedenfalls hat das Ding ganze Arbeit geleistet und mich davon bewahrt, allen tschüss sagen zu müssen. Ich hab nämlich geplant ein Abschiedsfrühstück zu machen. Ich wusste selbst nicht warum. Man brachte mich dann auf die Idee, ein Abschieds-BBQ-breakfast zu machen, weil wir ein BBQ in Nacksta hatten, was wirklich toll war. “Noch besser” dachte der kleine Freud in meinem Kopf. Also habe ich immer, wenn jemand gefragt hat “Sehen wir uns nochmal?” gesagt: “Komm zum BBQ-breakfast!” “Wann?” Haha, da ich ja schon um 8 den Zug nehme “at 4am.” Dann haben viele gesagt, dass sei früh, aber sie werden zusehen, dass sie es schaffen. Aber natürlich waren nur sehr wenige wirklich da und so musste ich auch nur sehr wenige verabschieden. Und das war auch gut so. Nicht, dass ich heule oder sonst was, aber ich bin so voll mit Emotionen, dass mein Un(ter)bewusstsein grade alles abschaltet. Genau so wie es am Anfang war.

So nun wirklich zu meinem Morgen. Wir hatten uns also für 4, halb 5 verabredet. Ich hab die Würstchen gestellt (3 verschiedene Sorten, it’s a german thing) und Ana wollte unbedingt Surströmming probieren. Klingelts? Das ist der verrottete Fische in Dosen, die 50 Meter weit stinken, wenn man sie öffnet und der auf Flügen von Air France und British Airways verboten ist (obwohl das quatsch ist, weil die Dose gar nicht explodieren kann, wie ich gelesen habe, aber 9/11 hat eben alle verrückt gemacht). Um es vorweg zu nehmen: Ich stinke! Später dann mehr. Gestern habe ich den ganzen Tag gepackt, geputzt und mit Freunden zusammen auf dem Boden gesessen. Unser Küchentisch wurde nämlich schon samt Stühle abgeholt. Um 12 war ich fertig mit Putzen und Juli und ich wollten einen Film gucken und eigentlich nicht mehr schlafen vor 4. Aber um 2 wurden wir so müde (Julis Wein hat uns gekillt), dass wir noch eineinhalb Stunden geschlafen haben. Und um halb 5 waren wir draußen und haben das Feuer angemacht. Roxana, Ana, Laura und Baiba, Hasan und Bas kamen (in der Reihenfolge) und wir hatten eine schöne Zeit. Irgendwann mussten wir uns dann an den Fisch wagen. Da ich heute noch nach Hause fliegen will, musste Ana hinter den Hügel gehen und den Fisch allein öffnen. Gut, dass wir auf die Verkäuferin gehört hatten und ihn in einem Eimer Wasser hatten. Und gut, dass wir nicht auf sie gehört haben, denn sie hat gesagt, wir sollen die Dose vor dem Öffnen aus dem Wasser rausholen. Nene! Man hats trotz Unterwasseröffnung gerochen, als Ana wieder zurück kam. Aber es war nicht halb so schlimm wie erwartet. Das kam erst, als wir ganz nah ran gingen und es wirklich herausforderten. Da schmerzt die Nase! Und den Geruch wird man nicht mehr los. Plötzlich riecht man es überall! Ana ist sofort nach Hause und hat ihre Klamotten gewechselt. Aber dann wollten wir ja auch probieren. Wir dachten, es wird nicht so schmecken, wie es riecht. Wahrscheinlich haben wir auch den Fisch nicht genug gewaschen, aber es schmeckt exakt so, wie es riecht! Die Verkäuferin hatte gesagt, wir sollen den Fisch in ein spezielles, schwedisches Brot (tunnbröd) mit sour cream, Zwiebeln, Kartoffeln und Tomaten einwickeln. Die Kartoffeln hab ich vergessen und Tomaten hatten wir keine und weil wir zu faul waren, auf die andere Seite des Supermarkts zu laufen, haben wir Tortillas statt tunnbröd genommen. Aber all das ist keine Entschuldigung! Es ist einfach eklig! Und den Geschmack und Gestank hab ich jetzt seit 2 Stunden im Mund. Trinken macht es nur noch schlimmer. Und weil ich den Topf angefasst habe, in dem der Fisch drin war, riecht eine Hand jetzt auch eklig. Mein Flugticket werde ich mit der anderen Hand abgeben. Irgendwann kam der Abschied. Bas hat mich zum Bahnhof gefahren und Hasan hat uns spontan begleitet. So musste ich erstmal nur den Mädels Tschüss sagen.

(Ahhhhh, ich fahr grad an einem Feld vorbei und ich hab einen Fuch gesehen. Der stand nur 20 Meter von den Schienen entfernt. Toll!) Die waren wirklich großartig. Haben alle etwas schönes gesagt und sich die Tränen verkniffen. Ich hab alles vergessen, was ich ihnen noch sagen wollte und wir haben statt dessen einfach ein paar Witze über das surströmmingverseucht Nacksta gemacht. Am Bahnhof hatte alles genau das richtige Tempo. Wir kamen an, haben noch ein bisschen geplaudert, die Türen gingen auf und bis bald! Und dann kam eine Überraschung, die mich am meisten berührt hat heute: Sarah und Anna-Lisa, die 2 Amerikanerinnen, mit denen ich in Kiruna eine wunderschöne Zeit hatte und die mich oft zum Essen eingeladen haben, konnten nicht nach Nacksta kommen und haben mich gefragt, wann ich vom Bahnhof losfahren, so dass sie vielleicht dahin kommen könnten. Ich hab erst sehr spät geantwortet, darum dachte ich, sie würden es nicht mehr schaffen. Aber wir sind grade langsam losgerollt, da zeigt Hasan in die andere Richtung und da kam Sarah gelaufen und hat gewinkt. Das war wirklich schön!

Zurück zu den letzten Wochen: Eigentlich gab es nichts anderes als Film machen. Unsere Filme haben uns alle Nerven gekostet, die wir noch so übrig hatten. Wir haben genau im Zeitplan angefangen zu drehen und hatten fast alle Szenen abgedreht, als plötzlich ein Gruppenmitglied anruft und sagt, die Kamera sein kaputt und wir könnten die Daten darauf nicht benutzen. Das konnten wir ja nicht glauben! Also sind wir zu unserem Lehrer und haben alles probiert um die Daten zu retten, aber es kam immer nur sehr, sehr schlechte Qualität dabei raus, so dass es tatsächlich unbrauchbar war. Nach dem ein oder andern Nervenzusammenbruch haben wir uns zusammen genommen und einen neuen Plan entwickelt. Unser erster Hauptdarsteller war ein Doktorand, der sehr wenig Zeit hatte und schauspielerisch auch nicht besonders begabt. Also haben wir kurzerhand unseren Produzenten zum Hauptdarsteller gemacht. Der war schauspielerisch genau so unbegabt, aber wir waren wenigstens flexibel, was unsere Drehzeiten angeht. Das beste war, der ist auch ein Nachtmensch, wie ich, und so haben wir hauptsächlich nachts gedreht, geschnitten und was sonst noch so dazu gehört. Das einzige Problem war, dass die beiden anderen aus unserer Gruppe am liebsten morgens gearbeitet haben und darum hatten wir die letzten Wochen jeden Tag so etwa 3-4 Stunden Schlaf. Ist ja auch mal was. Gut, dass es in unserem Institut den billigsten und stärksten Kaffee der ganzen Uni gibt. Nach einer weiteren Woche hatten wir dann alles abgedreht. Wir waren so glücklich. Und dann kam der nächste Anruf: ”Die letzten Szenen, die wir gedreht haben, sind wieder Schrott, nicht brauchbar:” Das darf doch nicht wahr sein?! So haben wir dann also einige Szenen zum dritten Mal gedreht. Gott sei Dank, nicht die Toilettenszene. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie verrückt man wird, wenn man 10 Stunden am Stück vor einer Toilette sitzt, den Text, den eigentlich der Schauspieler können soll, schon seit 5 Stunden im Schlaf kann und man nur “Action” und “Cut” sagt. Wir waren fertig! Aber nur mit den Nerven. Denn nun ging das Schneiden los. Wegen unserer Kameraausfälle hatten wir noch 2 Tage für Schnitt, Farbkorrektur, Musik komponieren, Sounds aufnehmen und perfektionieren und Material von bestimmt 30 Stunden auf 5 bis 10 Minuten zu kürzen. Bilanz: 3 Stunden Schlaf, unter anderem auf der Wiese vorm Insitut, der für 3 Tage gereicht hat, hunderte Becher Kaffe und am Ende kamen einige Energy Drinks dazu, 1 Döner, 2 Baguettes, 2 Packungen Salami, 2 Packungen Käse, viel Schokolade, viel Wasser, viel Schweiß, kaum Luft wegen den nicht vorhandenen Fenstern in unseren Schnittbunkern, einige erfolgreich verhinderte Heulattacken, 2 Krisengespräche mit unserem Dozenten, Verlängerung der Deadline um 5 Stunden und ein halb fertiger 16-minütiger Film. Gegen 20 Uhr haben wir, glaub ich, abgegeben. Wir haben am Ende nur geschnitten und zu einiegen Szenen die Musik gemacht, keine weiteren Korrekturen vorgenommen, und hatten tatsächlich sogar ein Szene, in der es überhaupt keinen Ton gab. Es scheint ein witziger Reflex zu sein, dass, wenn der Ton bei einem Film ausfällt, Menschen sich umdrehen und versuchen den Verantwortlichen ausfindig zu machen.

Nach der Abgabe war ich noch Arbeiten. Es war nicht viel los, darum konnte ich meinen Report schreiben, der am nächsten Tag um 12 fällig war. Um 1 war ich zu Hause und habe noch weiter geschrieben und um 4 hab ich abgeschickt. Dann bin ich todmüde ins Bett gefallen. Aber um 10 hatten wir schon wieder Uni und abends die Premiere in einem Kino in der Stadt. Also kein Schlaf für weitere 16 Stunden. Aber auch das haben wir irgendwie geschafft und es war ein ganz schöner, aber verregneter, Tag. Die anderen Filme sind echt klasse geworden. Ihr könnt sie euch hier alle anschaue. Es dauert lange, bis sie geladen sind, also einfach einmal drauf klicken und weiter arbeiten bis irgendwann mal einer läuft. Am nächsten Tag waren wir endlich frei. Das haben wir sehr genossen. Wir sind auf eine Ausstellung gegangen, bei der die Design-Studenten ihre Abschlussarbeit vorgestellt haben und haben faul in der Sonne gelegen. Und dann fingen wir an uns zum goodbye-Kaffee-Trinken zu verabreden. Nebenbei hab ich angefangen zu packen und Zeug auszusortieren. Kristina hat mir am Sonntag vor der Deadline (am Mittwoch) geschrieben, dass sie nochmal kommt. “Sollte eigentlich eine Überraschung werden, aber ich dachte, es wäre gut dir vorher zu sagen, dass ich am Montag Abend komme und Freitag wieder fliege.” Uiuiui. Ich hatte leider überhaupt keine Zeit für sie, aber sie kennt Sundsvall ja und konnte sich so glücklicherweise selbst unterhalten. Das tolle war, dass sie für den Rückflug noch einen Koffer zusätzlich gebucht hatte und so 15kg von meinen Sachen mitgenommen hat. Danke nochmal!!! Um nicht das Risiko einzugehen, dass wir am Flughafen arm werde, wegen dem ganzen Übergepäck, haben wir versucht eine Wage zu bekommen. Hat ja normal jeder zu Hause, ne? Nicht in Sundsvall. Wir haben alle gefragt, Einheimische, Austauschstudenten, Nachbarn… Nach langer Zeit haben wir dann endlich einen Nachbarn gefunden, der uns seine Wage gleich geschenkt hat, weil er die nicht braucht. Auch danke!

Ich kann es nicht glauben. Ich war für 5 Monate in Schweden. Einem Land, über das ich nichts wusste, und dass mich kaum interessiert hatte. Nun freue ich mich auf die Prizenssinenhochzeit wie ein Urschwede. Ich habe Menschen kennengelernt, aus Ländern, von denen ich nicht mal wusste, auf welchem Kontinent sie liegen. Nun kann ich mindestens “Hallo” auf der entsprechenden Sprache sagen oder kenne ein typisches Gericht. Ich dachte immer, Natur würde mich komischerweise nicht so richtige interssieren und beruhigen, jetzt kann ich stundenlang auf der Wiese sitzen, egal wie viele Ameisen und Fliegen an mir rumkrabbeln und es einfach genießen. Ich dachte, Uni wäre immer und überall Frontalunterricht und so wie in Landau. Ich dachte Landau wär eine schöne Uni. Jetzt weiß ich, Landau gehört definitiv zu den unfreundlichsten, hässlichsten und didaktisch unklügsten Unis der Welt. Ich genieße es sogar, in einer anderen Sprache als Deutsch zu sprechen, egal ob Schwedisch oder Englisch. Ich habe wahnsinnig viele Freunde gefunden, von denen einige sicher auch noch in Jahren Briefe von mir erhalten werden. Aber ich weiß auch, dass das nun vorbei ist. Erasmusleben ist speziell. Nie wieder werden wir so einen Zeit erleben und nie wieder wird Sundsvall so sein, wie es war – für uns. Aber wir haben gelernt, goodbye zu sagen, den Moment zu genießen, Menschen zu akzeptieren, wie sie sind, eine Gemeinschaft zu bilden, die nichts stören kann und uns einfach eine gute Zeit zu machen.

Sundsvall – Ich werde dich ein bisschen vermissen, aber ich hatte eine wundervolle Zeit, die mir viel mehr gibt als nur Nostalgie.

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